AI Slop und Co: So verändert sich gerade die Social-Media-Welt

Soziale Netzwerke verändern sich gerade grundlegend. Was wir täglich in unseren Feeds sehen, stammt immer seltener von Menschen. Stattdessen gewinnen automatisch erzeugte Inhalte an Gewicht: Bilder, Videos und Texte, produziert von künstlicher Intelligenz. Wir zeigen, was dahinter steckt – und worauf sich Marken einstellen sollten.

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Das neue Zeitalter von Social Media

Meta-Chef Mark Zuckerberg macht kein Geheimnis daraus, wohin Social-Media-Plattformen seiner Meinung nach steuern. In einem Earnings Call skizzierte er eine fundamentale Verschiebung seiner Plattform-Strategie: Während Social Media bisher auf menschlichen Verbindungen basierte, kündigt er eine Phase an, in der synthetische, KI-generierte Inhalte einen wesentlichen Teil dessen ausmachen, was Nutzer in ihren Feeds sehen.

„Social media has gone through two eras so far. First was when all content from friends, family, and accounts that you followed directly. The second was when we added all the creator content. Now, as AI makes it easier to create and remix content, we’re going to add yet another huge corpus of content on top of those.“

– Mark Zuckerberg, Chef von Meta

Die Logik hinter der „dritten Ära“

Zuckerberg beschreibt die Entwicklung sozialer Medien als Abfolge von drei Phasen:

1. Social Graph: Nähe und Beziehungen

In der ersten Phase ging es um reale soziale Beziehungen. Facebook, später auch andere Netzwerke, zeigten Inhalte von Freunden, Familie und Bekannten. Der Feed spiegelte das eigene Umfeld wider.

2. Interest Graph: Aufmerksamkeit und Unterhaltung

Mit Instagram und vor allem TikTok verschob sich der Fokus. Inhalte kamen zunehmend von Menschen, denen man nicht folgte. Algorithmen entschieden, was interessant sein könnte. Unterhaltung wurde wichtiger als Beziehung. Creator mit großer Reichweite dominierten die Plattformen.

3. AI Graph: synthetische Inhalte

Nun folgt laut Zuckerberg die nächste Stufe: KI erzeugt selbst Inhalte oder remixt bestehendes Material in großer Menge. Diese Inhalte werden gleichberechtigt neben menschlichen Beiträgen ausgespielt.

Warum Plattformen auf KI setzen

Aus Sicht der Plattformen ist dieser Schritt logisch. KI-Inhalte haben viele Vorteile:

  • Sie sind nahezu unbegrenzt skalierbar
  • Sie kosten keine Honorare
  • Sie lassen sich präzise auf Nutzerinteressen zuschneiden
  • Sie passen perfekt in algorithmische Feeds

Meta testet mit Formaten wie „Vibes“ bereits Feeds, die fast ausschließlich aus KI-generierten Kurzvideos bestehen – vermutlich, um erste Erfahrungen zu sammeln. Auch KI-Personas, die mit Nutzern chatten, sind Teil dieser Strategie.

Ökonomisch bedeutet das für die Plattformen: weniger Abhängigkeit von Creators, mehr Kontrolle über Inhalt und Werbung. Ein guter Deal.

Was ist „AI Slop“?

Für viele dieser neuen Inhalte hat sich ein Begriff etabliert: AI Slop.

Gemeint sind massenhaft produzierte, oft skurrile oder stark emotionalisierte KI-Inhalte. Beispiele sind bizarre Bilder wie der sogenannte „Shrimp Jesus“ – ein religiöses Motiv, vollständig von KI erzeugt und ohne realen Bezug.

Mit solchen KI-Montagen werden gerade soziale Netzwerke geflutet

Studien zeigen, dass bereits heute ein erheblicher Teil populärer Social-Media-Inhalte synthetisch ist. In den Top-Suchergebnissen auf TikTok enthalten 25 Prozent KI-generierte Bilder oder Videos.

Müdigkeit statt Begeisterung

Kurzfristig funktionieren diese Inhalte gut. Sie ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Auch weil sie noch recht neu und damit überraschend sind, erzielen KI-Videos aktuell zum Teil hohe Reichweiten.

Allerdings ist fraglich, ob die von Zuckerberg herbeigesehnte dritte Phase wirklich das ist, was Nutzer wollen. CNN beschreibt diese Phase als „messy“ – unübersichtlich, überladen und voller rechtlicher und ethischer Fragen. Dazu könnten langfristig „Ermüdungserscheinungen“ kommen:

  • Algorithmus-Müdigkeit: Feeds wirken durch die Vielzahl an KI-Inhalten monoton, weil ähnliche Inhalte immer wieder auftauchen.
  • Meme-Überdosis: Trends werden bis zur Erschöpfung wiederholt. KI sorgt dafür, dass alles skalierbar ist.
  • Sinkende Aufmerksamkeit: Nutzer scrollen weiter, ohne sich wirklich einzulassen

Ein besonders sensibler Punkt ist die politische Dimension. KI macht es einfacher, emotionale Bilder und Videos zu produzieren, die gezielt wirken. Forschende sprechen von „Slopaganda“ – einer Mischung aus Propaganda und KI-Slop. Beispiele reichen von gefälschten politischen Videos bis hin zu stark vereinfachten, klischeehaften Bildwelten.

Was passiert mit menschlichen Creators?

Für viele Creators wird die Situation schwieriger. Organische Reichweite sinkt. Selbst Accounts mit vielen Followern könnten in Zukunft ihr Publikum nicht mehr zuverlässig erreichen, weil sie gegen eine steigende Zahl an KI-Inhalten ankommen müssen. Sichtbarkeit hängt zunehmend von algorithmischen Prioritäten ab.

Community-Experte Sebastian Esser beschreibt diese Entwicklung sehr deutlich. In einem Newsletter-Gastbeitrag schreibt er:

„Für Creators fühlt es sich an, als würden sie ständig gegen die unsichtbaren Launen einer Maschine ankämpfen, statt zuverlässig die eigenen Follower zu erreichen. Das wird zunehmend sinnlos.“

Die Folge: Viele fragen sich, warum sie Inhalte produzieren sollen, wenn die Beziehung zum Publikum verloren geht. 

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Die Gegenbewegung: Community statt Feed

Genau hier setzt Essers zentrale These an. Er sieht in der aktuellen Entwicklung eine Art Aufteilung von menschlichen und KI-generierten Inhalten:

  • Offene Plattformen bewegen sich Richtung KI-getriebener Unterhaltung, die sie besser steuern und monetisieren können.
  • Menschliche Inhalte verlagern sich in kontrollierte Räume

Newsletter, Podcasts, Mitgliedschaftsmodelle und Community-Plattformen gewinnen somit an Bedeutung. Sie sind nicht perfekt, aber sie bieten etwas, das KI-Feeds nicht liefern können: Vertrauen, Verbindlichkeit und Beziehung

Was bedeutet das für Marken?

Für Marken verändert die KI-Ära vor allem eines: Aufmerksamkeit wird knapper und teurer.

In Feeds, die zunehmend von KI-generierten Inhalten gefüllt werden, verlieren klassische Markenposts an Sichtbarkeit. Plattformen bevorzugen synthetischen Content, weil er skalierbar ist und keine Beteiligung erfordert. Gleichzeitig sinkt die Wirkung von Werbung, weil Inhalte sich immer stärker ähneln und Nutzer schneller abschalten.

Aber es entsteht eine Gegenbewegung. In einer Umgebung voller automatisierter Inhalte wird Echtheit zum strategischen Vorteil. Marken, die menschliche Perspektiven zeigen, Haltung vermitteln und direkte Beziehungen aufbauen, heben sich ab. Statt möglichst viel Content zu produzieren, geht es stärker darum, die richtigen Orte und Formate zu wählen – auch jenseits der großen Plattform-Feeds.

Was das konkret für Marken bedeutet:

  • KI als Werkzeug nutzen, nicht als Ersatz für Identität
  • Weniger austauschbare Inhalte, mehr klare Haltung
  • Vertrauen wichtiger nehmen als reine Reichweite
  • Eigene Kanäle (Newsletter, Communitys) stärken
  • Beziehung vor Viralität stellen

Und damit wiederum entsteht für Marken eine Chance: sich noch nahbarer zu zeigen und eine engere Verbindung zu den Kunden aufzubauen.

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Über Yvonne Romes

Yvonne ist studierte Politik- und Rechtswissenschaftlerin, entdeckte jedoch bereits früh ihre (größere) Leidenschaft für Digitalmarketing. Sie ist unsere Expertin für ganzheitliche Digital Marketing Strategien und Inhouse-Optimierungspotentiale. Erfahrungen dazu bringt sie unter anderem aus Tätigkeiten bei Marken wie sparhandy.de und OBI Digital mit. Yvonne verfügt zudem über einen Lehrauftrag für Digitales Marketing an der FOM Hochschule in Köln und tritt regelmäßig als Speakerin bei Fachkonferenzen in Erscheinung. Bei planinja ist Yvonne die Expertin auf dem Gebiet der ganzheitlichen Digital Marketing Strategien. Unsere Kunden profitieren von ihrer souveränen Art der Moderation und analytischen Denkweise, die zur gezielten Identifizierung von Potentialen und Optimierungsansätzen führt.